Aus 1 mach 3: Angekündigte Änderung der Bedarfsplanung in Berlin und die Folgen

Im Kampf gegen die ungleiche Verteilung der vertragsärztlichen Versorgung auf Bezirksebene will Berlin neue Wege gehen. Auf Initiative der KV Berlin soll der Planungsbereich „Berlin – Bundeshauptstadt“ künftig für bestimmte Arztgruppen in drei separate Planungsbereiche aufgeteilt werden.

Bisherige Versorgungssteuerung mittels „Letter of Intent“

Seit Jahren besteht insbesondere in den sog. „grundversorgenden“ Fachgebieten ein offensichtliches Gefälle in Bezug auf die Versorgung in „beliebten“ und „unbeliebten“ Bezirken. (Beispiel HNO: Berlin gesamt = 113,9%, Charlottenburg-Wilmersdorf = 203,8%, Marzahn-Hellersdorf = 87,0% nach „Letter of Intent“ (LoI) Stand v. 01.01.20).

Mit Einführung des LoI im Jahre 2013 sollte der ungleichen Versorgungsverteilung entgegengewirkt werden. Dabei wurde für jeden Bezirk in Berlin ein entsprechender Versorgungsgrad (in Prozent) pro Fachgruppe ermittelt und ausgewiesen. Berlin selbst blieb aber ein einziger Planungsbereich. Der LoI wirkte sich dabei faktisch nur bedingt aus. So wurden beispielsweise Praxissitzverlegungen grundsätzlich nur von „oben nach unten“, also von besser in schlechter versorgte Bezirke, genehmigt. Hier orientierten sich Zulassungs- und Berufungsausschuss am LoI.

Auf Praxis-Ausschreibungen wirkte sich der LoI hingegen allenfalls punktuell aus. So konnte seitens der Zulassungsgremien eine Verlegung von Praxissitzen in schlechter versorgte Bezirke im Rahmen von Ausschreibungsverfahren grundsätzlich nicht ohne Weiteres erreicht werden.

Auch im Rahmen von sog. „partiellen Entsperrungen“ half der LoI zur Steuerung nur bedingt. Wurden – wie zuletzt häufiger – zahlenmäßig beschränkte neue Zulassungen in bestimmten Fachgebieten herausgegeben, konnten sich dennoch InteressentInnen aus ganz Berlin auf diese bewerben. Zwar teilten die Zulassungsgremien bereits im Rahmen dieser Ausschreibungen stets mit, welche Bezirke bevorzugt behandelt werden, allerdings war dies nur ein Auswahlkriterium von vielen.

Künftig drei Planungsbereiche für Hausärzte

Die Sicherung der gleichmäßigen Grundversorgung soll künftig nun mit „härterer Hand“ durchgesetzt und einer „einfacheren“ Steuerung durch die Zulassungsgremien erreicht werden.

Der aktuelle Plan sieht u.a. vor, für HausärztInnen (und nur für Hausärzte) Berlin in drei bedarfsplanungsrechtliche Teilgebiete aufzuspalten. Planungsbereich II soll die Bezirke Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf, Planungsbereich III den Bezirk Treptow-Köpernick und Planungsbereich I den gesamten Rest umfassen. Werden dann – wie bereits angekündigt – erneut neue hausärztliche Zulassungen ausgeschrieben, könnte dies für die dann einzelnen Planungsbereiche erfolgen.

Es ist also davon auszugehen, dass künftig freie Hausarztsitze allenfalls für die Planungsbereiche II und III ausgeschrieben werden. Interessenten mit dem Ziel einer Praxisgründung oder -erweiterung in anderen Planungsbereichen wären dann von vornherein nicht zu berücksichtigen.

Weiterhin ein Planungsbereich für die übrigen Fachgruppen

Neben der hausärztlichen Versorgung sieht Berlin – weiterhin – konkreten Handlungsbedarf im fachärztlichen Bereich. Dies betrifft vor allem die Fachgruppen der AugenärztInnen, GynäkologInnen, HNO-ÄrztInnen und KinderärztInnen. Auch hier wird künftig mit weiteren freien Sitzen zu rechnen sein.

Eine Aufspaltung in verschiedene Planungsbereiche wie bei den HausärztInnen soll allerdings insoweit nicht erfolgen. Vielmehr sollen künftig freie Zulassungen in diesen Fachgruppen nur in solche Bezirke vergeben werden, die einen Versorgungsgrad von unter 90% aufweisen.

Wann ist mit der Umsetzung zu rechnen?

Laut Mitteilung der KV Berlin dürfte mit der Umsetzung der entsprechenden Regelungen bereits zu Anfang November 2020 zu rechnen sein, sofern die zuständige Senatsverwaltung dem Konzept nicht widerspricht.

Handlungsmöglichkeiten

Wer damit liebäugelt oder darauf spekuliert, sich künftig aufgrund von „freien Zulassungen“ in den o.g. Bereichen niederzulassen, sollte sein Augenmerk insbesondere auf die Bezirke Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick richten. Wer sich bereits jetzt um Praxisräumlichkeiten in diesen Bezirken bemüht, dürfte später hiervon profitieren.

Entsprechendes gilt für die Gründung/Erweiterung von BAGs oder MVZ insbesondere dann, wenn aktuell die Aufnahme von Jobsharing-Angestellten bzw. Junior-Partnern geplant ist.

Gerne stehen wir bei Detailfragen in Bezug auf die geplante Niederlassung oder Erweiterung der Praxis unterstützend zur Seite.

Seit dem 07.10.2020: Krankschreibung auch per Videosprechstunde (unabhängig von Corona)

Neben den erheblichen Einschränkungen für das gesellschaftliche Leben, welches die Corona-Pandemie mit sich bringt, wirkte und wirkt sie zugleich wie ein Raketentreibstoff für die Digitalisierung.

Selbst im streng regulierten Gesundheitswesen werden digitale Möglichkeiten in einer Geschwindigkeit geschaffen, was zuvor noch undenkbar schien. So war es in den einzelnen KV-Bezirken plötzlich möglich, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) bei Corona-Symptomen per Videosprechstunde auszustellen. Diese Möglichkeit war dabei zumeist auf einen überschaubaren Zeitraum begrenzt.

Nahezu parallel hierzu beschloss der GBA am 16.07.20 eine Änderung der Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie. Ganz unabhängig von der Corona-Pandemie ist es danach unter bestimmten Voraussetzungen möglich, eine AU auch ohne unmittelbaren Arzt-Patienten-Kontakt, per Videosprechstunde, auszustellen. Das BMG hatte anschließend noch die Möglichkeit, den Beschluss zu beanstanden. Dies ist nicht geschehen.
Mit Veröffentlichung des Beschlusses im Bundesanzeiger ist dieser nun am 07.10.20 in Kraft getreten.

Danach gilt für eine erstmalige Krankschreibung per Videosprechstunde:

• maximal 7 Kalendertage,
• der Patient muss der Praxis bekannt sein (der Patient muss zuvor – auch wegen einer anderen Erkrankung – in der Praxis vor Ort behandelt worden sein. Bei BAGs oder MVZ reicht auch eine Behandlung durch eine/n KollegIn; eine zeitliche Einschränkung wurde zumindest nicht definiert),
• der Arzt muss überzeugt sein, die Arbeitsunfähigkeit im Rahmen der Videosprechstunde beurteilen zu können (die Entscheidungshoheit verbleibt damit beim Arzt; der Patient hat also keinen Anspruch auf eine AU per Videosprechstunde),
• eine Begutachtung des Patienten per Telefon, Chat oder Fragebogen reicht nicht aus.

Zugleich betont der GBA allerdings auch, dass die persönliche Untersuchung vor Ort die Standardmethode zur Ausstellung einer AU bleiben soll.

Spannend bleibt die Frage, ob/inwieweit Praxen vor flächendeckender Einführung der eAU Kosten für das Übersenden der AU geltend machen können. Hierzu beraten KBV und GKV-Spitzenverband bereits.

Die ersten „Apps auf Rezept“ sind da: DiGA-Verzeichnis des BfArM online

Diese Woche wurde bereits mehr oder minder gemunkelt, die ersten beiden digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) gem. § 33a SGB V hätten es – zumindest vorläufig – in das DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geschafft.

Hierüber herrscht nun Gewissheit, denn: Das BfArM schaltete jetzt auch das DiGA-Verzeichnis gem. § 139e SGB V online. Unter der Adresse https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis kann damit ab sofort nachgeschaut werden, welche „Apps auf Rezept“ ab sofort als vertragsärztliche/-pyschotherapeutische Leistung verordnungsfähig sind.

Bislang handelt es sich um zwei Anwendungen: „Kalmeda“ (App zur Behandlung von Tinnitus) sowie „velibra“ (App zur Behandlung von Angst-, bzw. Panikstörungen).

Das DiGA-Verzeichnis ist dabei mehr als bloß eine Information für GKV-Patienten, welche Anwendungen verordnungsfähig sind. So hält das Verzeichnis zudem Informationen bereit, bei welcher Indikation (unter Angabe der jeweiligen ICD-10-Codes) die App verordnungsfähig ist, ob eine Zuzahlung oder Zusatzgeräte erforderlich sind sowie über welches Medium (z.B. App-Store oder Webanwendung) die Anwendung genutzt werden kann. Damit lohnt sich ein Blick in das Verzeichnis insbesondere auch für Leistungserbringer.

Es darf davon ausgegangen werden, dass alsbald einige weitere Anwendungen den Weg in das DiGA-Verzeichnis finden werden. So heißt es, 25 weitere Anwendungen würden insoweit gerade überprüft.

Bei Fragen zu DiGAs oder z.B. dem Fasttrack-Verfahren stehen wir Ihnen selbstverständlich gern unterstützend zur Seite.

BSG-Urteil zur Verlegung von Arztstellen zwischen bestehenden MVZ

Mit Urteil vom 30.09.2020, Az. B 6 KA 18/19 R (im Zeitpunkt der Beitragserstellung waren die Entscheidungsgründe noch nicht veröffentlicht) hat das BSG nun bundesweit für Rechtssicherheit bezüglicher der Frage geschaffen:

Können Arztstellen zwischen MVZ verschiedener Trägergesellschaften verlegt werden?

Der Fall

Im Zuständigkeitsbezirk der KV Hamburg sollten Arztstellen von einem „MVZ 1“ in ein anderes – bereits bestehendes – „MVZ 2“ verlegt werden. Problematisch daran war, dass „MVZ 1“ und „MVZ 2“ von unterschiedlichen, selbstständigen Betreibergesellschaften geführt wurden. Allerdings waren die Gesellschafter beider Betreibergesellschaften vollkommen identisch. Der sodann angerufene Berufungsausschuss genehmigte letztlich sowohl die Verlegung als auch die Genehmigung der Anstellung im „MVZ 2“. Hiergegen wurde geklagt. Das Sozialgericht Hamburg (Urt. v. 17.04.20, Az. S 27 KA 83/18) war dabei der Auffassung, die Entscheidung des BA sei rechtswidrig gewesen.

Die Antwort des BSG

Das BSG hingegen stellte hingegen ausdrücklich klar, dass eine Verlegung von Arztstellen zwischen zwei MVZ verschiedener Betreibergesellschaften möglich sei. Dies gelte jedenfalls dann, sofern die Gesellschafter beider Betreibergesellschaften vollkommen identisch seien.

Die hierfür maßgebliche Norm ist § 24 Abs. 7 S. 2 Ärzte-ZV. Dabei bezog sich das BSG insoweit u.a. auf die entsprechende Gesetzesbegründung. Bereits dort hieß es zu der Regelung, dass MVZ „in gleicher Trägerschaft oder bei Identität der Gesellschafter“ die Möglichkeit zur Verschiebung von Anstellungsgenehmigungen eröffnet werden solle. Auch sei § 24 Abs. 7 S. 2 Ärzte-ZV eine wirksame Rechtsgrundlage. Zwar sei die Verlegung von Arztstellen für beide MVZ statusrelevant. Statusrelevante Fragen regele dabei grundsätzlich das SGB V (und nicht die niederrangige Ärzte-ZV). Dies sei allerdings unschädlich, da § 24 Abs. 7 S. 2 Ärzte-ZV die Berufsfreiheit gem. Art. 12 Abs. 1 GG der MVZ-Träger gerade nicht einschränke, sondern vielmehr erweitere.

Die Möglichkeiten

Bislang handhabten die Zulassungsgremien der verschiedenen KV-Bezirke die Verlegung von Arztstellen zwischen MVZ unterschiedlich. Die Entscheidung des BSG ist ausdrücklich zu begrüßen und schafft nun bundesländerübergreifend Klarheit.

Insbesondere Investoren im humanmedizinischen Bereich dürften diese Entscheidung mit Freude aufgenommen haben. So besteht durch den Erwerb von MVZ durch den Kauf der Gesellschaftsanteile mit der gleichzeitigen Verlegungsmöglichkeit nun mehr Flexibilität bei dem Auf- bzw. Ausbau entsprechender Strukturen. Allerdings stellt die Gesellschafteridentität keinen „Freifahrtschein“ für Verlegungen dar. Auch weiterhin gilt, dass die übrigen Voraussetzungen ebenfalls eingehalten werden müssen. So darf der Blick auf den Versorgungsgrad der entsprechenden Fachgruppe an den jeweiligen Standorten nicht verloren gehen. Das bekannte Credo behält seine Gültigkeit: Verlegungen grundsätzlich nur von „oben“ nach „unten“.

Kostenlose Kopie der Behandlungsunterlagen an den Patienten

Dass europäisches und nationales Recht sich nicht immer sinnvoll ergänzen, sondern teilweise kollidieren, ist nicht erst seit Einführung der DSGVO bekannt.

Eine solche Kollision besteht u.a. in Bezug auf die Bereitstellung einer Kopie der Behandlungsunterlagen für den Patienten. Hierzu gibt es nun die erste gerichtliche Entscheidung.

Das Problem

Nach deutschem Recht hat der Patient grundsätzlich ein Recht auf Einsichtnahme in die ihn betreffende, vollständige Patientenakte, soweit nicht z.B. erhebliche therapeutische Gründe dem entgegenstehen (§ 630g Abs. 1 S. 1 BGB). Er darf also einen Termin mit der Praxis vereinbaren und sich die Akte im Original vor Ort anschauen. Unabhängig hiervon kann der Patient auch elektronische Abschriften von der Patientenakte verlangen (§ 630g Abs.2 S. 1 BGB). Die für die Erstellung der Kopie entstandenen Kosten kann der Behandler vom dem Patienten ersetzt verlangen. Er kann die Übersendung der Kopie sogar von einem entsprechenden Vorschuss abhängig machen (§ 630g Abs. 1 S. 3 i.V.m. § 811 Abs. 2 S. 2 BGB). Der Patient müsste die Kosten dann nicht nur zahlen, sondern wäre vorschusspflichtig.

Auch nach der DSGVO kann der Patient Auskunft über seine personenbezogenen Daten verlangen (Art. 15 Abs. 1 DSGVO). Hiervon ist auch die Patientenakte umfasst. Ferner kann der Patient die Erstellung einer Kopie seiner personenbezogenen Daten von dem Arzt verlangen (Art. 15 Abs. 3 DSGVO). Eine Regelung zur Kostentragung sieht die DSGVO nur für „alle weiteren Kopien“ vor. Die Übersendung der ersten Kopie ist damit kostenfrei.

Geklärt werden musste nun, welche Regelung im Zweifel vorrangig ist.

Das Urteil

Das Landgericht Dresden entschied am 29.05.2020, dass die europäische Regelung der nationalen Regelung vorgeht. Dass sich der Anwendungsbereich der deutschen Regelung explizit auf das Verhältnis Arzt – Patient bezieht und somit eigentlich spezieller als die Regelung der DSGVO ist, überzeugte das Gericht nicht. Die DSGVO steht im Rahmen der Normhierarchie über der nationalen Regelung. Raum für abweichende nationale Bestimmungen lässt die DSGVO insoweit mangels Öffnungsklausel ebenfalls nicht.

Die Konsequenz

Die Entscheidung ist eher wenig überraschend. Verlangt ein Patient erstmalig Auskunft/Übersendung einer Kopie seiner Behandlungsakte, so sollte ihm diese kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Dies gilt jedenfalls dann, sofern er sein Auskunftsverlangen auf die DSGVO in Bezug auf seine personenbezogenen Daten stützt. Stützt er sein Verlangen hingegen auf das Einsichtsrecht eines Patienten, könnte die Übersendung einer Kopie weiterhin von einem Vorschuss abhängig gemacht werden. Die Unterscheidung in Bezug auf die Anspruchsgrundlagen dürfte auch in Bezug auf den Inhalt der Auskunft von Bedeutung sein. So ist aktuell noch nicht geklärt, ob das Einsichtnahmerecht des Patienten sowie das Auskunftsverlangen eines datenschutzrechtlich Betroffenen tatsächlich kongruent sind.

Datenschutzrecht: „Privacy Shield“ zerbrochen, und nun?! Auswirkungen für Praxen und Anbieter digitaler Gesundheitsanwendungen

Nach dem „Safe-Harbour“-Abkommen erklären die Luxemburger Richter des EuGH mit Urteil vom 16.07.20 auch das Privacy-Shield-Abkommen zwischen der EU und den USA für unwirksam.
Wie sich das auf Leistungserbringer und Anbieter von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) in Deutschland auswirkt und wer nun handeln sollte, fassen wir nachfolgend in Kürze zusammen.

Was war der Vorteil des Privacy-Shield-Abkommens?

Nicht erst seit der EU-DSGVO ist klar: Das datenschutzrechtliche Niveau der EU-Staaten übersteigt das der USA. Problematisch kann das u.a. sein, wenn man Dritte (z.B. Auftragsverarbeiter) aus den USA in einen Datenverarbeitungsprozess einbindet. Als Verantwortlicher haftet man nämlich grundsätzlich auch für Datenschutzverstöße von z.B. (Sub)Auftragsverarbeitern. Bevor man sich für ein solch drittes Unternehmen entscheidet, sollte man daher sicherstellten, dass dieses seinerseits den Anforderungen der DSGVO gerecht wird. Dies gilt erst recht, wenn der Dritte selbst gar nicht der z.B. der DSGVO unterliegt. Für dritte Unternehmen aus den USA gab es hierfür eine Lösung: Das Privacy-Shield-Zertifikat. Bei Einsatz eines solch zertifizierten Unternehmens konnte man grundsätzlich davon ausgehen, dass dieses die Daten nach EU-Niveau verarbeitet. Eine eigene – praktisch kaum durchführbare Prüfung – der datenschutzrechtlichen Maßnahmen des Dritten war nicht erforderlich. Mit dem Wegfall des Privacy-Shield-Abkommens gibt es diese „Erleichterung“ in der Form ab sofort nicht mehr.

Inwieweit betrifft die Entscheidung auch mich als Leistungserbringer oder Anbieter von DiGA´s in Deutschland?

Relevant wird die Entscheidung insbesondere im Hinblick auf Auftragsverarbeitungsverhältnisse. Wer z.B. Cloud-Dienste, für die Terminvergabe, Software-Wartung, telemedizinische Dienste im Bereich der PKV oder die eigene Homepage Drittunternehmen einbindet, sollte einmal genauer hinschauen. Die meisten dieser Auftragsverarbeiter setzen ihrerseits Subunternehmen ein. Werden dabei Daten auf Servern in den USA gespeichert, gibt es den Schutz des „Privacy-Shields“ nicht mehr. Das wird auf kurz oder lang die Aufsichtsbehörden auf den Plan rufen.

Auch die Anbieter von digitalen Gesundheitsanwendungen müssen dann reagieren, wenn sie mit US-Unternehmen zusammenarbeiten. Gemäß § 4 Abs. 3 DiGAV ist eine Verarbeitung von personenbezogenen Daten durch die digitale Gesundheitsanwendung selbst sowie die Verarbeitung im Auftrag in einem Drittstaat außerhalb der EU, des EWR und der Schweiz nur zulässig, sofern ein Angemessenheitsbeschluss der EU-Kommission gemäß Artikel 45 der Verordnung (EU) 2016/679 vorliegt.

Muss ich jetzt handeln?

Wer bislang z.B. Auftragsverarbeiter einsetzte, die ihrerseits Daten auf Servern in den USA speicherten, sollte achtsam sein und ggf. umdisponieren – und das sofort. Einen Ausweg könnten insoweit die sog. „Standardvertragsklauseln“ der EU-Kommission bieten. Diese wurden seitens des EuGH ausdrücklich nicht beanstandet. Doch auch diese sind kein Allheilmittel, da es bei der Verwendung solcher Klauseln auf den Einzelfall ankommt. Auch hier sollte also eine genauere Prüfung erfolgen. Wer sich unsicher ist, ob ihn der Wegfall des Privacy-Shield-Abkommens überhaupt betrifft, sollte im Zweifel einfach bei seinen Auftragsverarbeitern nachfragen oder selbst einen Blick in den Auftragsverarbeitungsvertrag werfen. Als letzter Ausweg bleibt stets der Wechsel zu einem Anbieter, welcher sich ohnehin an die europarechtlichen Vorgaben halten muss.

Vergleichbares gilt für Anbieter digitaler Gesundheitsanwendungen.

Datenschutzrechtlicher Durchbruch im Bereich der klinischen Forschung: DSK erkennt „broad consent“ an

Ende April teilte die Medizininformatik-Initiative (MII) mit, sie habe seitens der Konferenz der unabhängigen Datenschutzbeauftragten (DSK) „grünes Licht“ für eine Muster-Einwilligung zur (Weiter)Verarbeitung von Patientendaten zu wissenschaftlichen Forschungszwecken erhalten (hier geht es zur offiziellen Pressemitteilung).

Diese Mitteilung dürften viele (internationale) Forschungsinitiativen mit deutschem Einschlag freudig aufgenommen haben. Endlich wird der datenschutzrechtliche Nebel bei klinischen Forschungsvorhaben etwas gelichtet. Insbesondere die Vielzahl an neben der DSGVO zu beachtenden nationalen Regelungen (z.B. BDSG, LDSG, LKhG) führte zu einem nahezu undurchschaubaren Potpourri von Anforderungen.

Um diese unsichere Lage zu umgehen, wurde die Einwilligung allerdings nicht als geeignetes Mittel angesehen. Lange ging man  davon aus, dass eine wirksame Einwilligung des einzelnen Patienten im Rahmen von Forschungsvorhaben für jeden einzelnen konkreten Forschungszweck einzuholen war. Viele medizinische Fragestellungen stehen zu Beginn eines Forschungsvorhabens allerdings noch gar nicht fest. Damit war die Einwilligung als Rechtsgrundlage für die Forschung praktisch nahezu nicht umsetzbar. Eine „breite Einwilligung“ („broad consent“), um als Patient seine Daten pauschal der Forschung „spenden“ zu können, wurde als nicht wirksam angesehen.

Bis jetzt. Die DSK positionierte sich nunmehr erstmals pro „broad consent“. Damit kann der Patient – unter weiteren Voraussetzungen wie z.B. der Pseudonymisierung seiner Daten – eine breite Einwilligung abgeben. Dies dürfte in der Praxis für erheblich mehr Rechtssicherheit sorgen. Zumindest im Verhältnis zu den Landesdatenschutzbehörden ist mit einer Sanktionierung nicht zu rechnen, sofern sich an die entsprechenden Vorgaben gehalten wird. Ob sich die Rechtsprechung der Meinung der DSK anschließen wird, bleibt allerdings abzuwarten.

Welches KIM hätten’s denn gern?

Zum Juli 2020 gewinnt die elektronische Kommunikation über die Telematikinfrastruktur (TI) weiter an Relevanz für den Praxisalltag.

Bisher war lediglich das. „Versichertenstammdatenmanagement“ (VDSM), also der Echt-Zeit-Abgleich der Versichertendaten des Patienten, verpflichtend über die TI durchzuführen. Zu Juli 2020 werden nun – finanzielle – Anreize gesetzt, die TI auch darüber hinaus einzusetzen.

Namentlich soll dies mit KIM geschehen. KIM – ehemals KOM-LE – ist ein E-Mail und Datenaustausch-Service der gematik. Über KIM soll der Austausch von sensiblen Daten wie Befunden, Bescheiden, Abrechnungen oder Röntgenbildern über die TI ermöglicht werden. Ziel ist es, sämtliche dieser Unterlagen künftig sicherer und schneller über KIM via E-Mail zu versenden. Die Kommunikation erfolgt dabei über Einrichtungs-, System- und Sektorgrenzen hinweg. Mit anderen Worten kann über KIM digital sowohl zwischen niedergelassenen Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten sowie Apothekern als auch mit behördlichen Einrichtungen wie K(Z)Ven und Krankenkassen kommuniziert werden. KIM stellt dabei lediglich das Transportmedium dar. Um KIM nutzen zu können, muss man sich für einen entsprechenden Dienstanbieter entscheiden.

Praktischer Vorreiter von KIM soll der Arztbrief sein.

Dieser wird am dem 01. Juli 2020 nur noch dann vergütet, sofern er als eArztbrief über KIM versendet wird. Für eine gewisse Übergangszeit bleibt die Vergütung für die Übermittlung via KV-Connect allerdings erhalten. Zugleich wird die Vergütung des „analogen“ Arztbriefes unattraktiver. Abrechnungsfähig wird nur noch die Portokostenpauschale sein. Die übrigen – dann ehemals – ansatzfähigen Pauschalen werden gestrichen.

Entscheidend kommt hinzu, dass Arztpraxen die AU-Bescheinigung ab Januar 2021 ausschließlich in digitaler Form an die Krankenkassen übersenden müssen. Hierzu soll ausschließlich KIM als Transportmedium zulässig sein.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind die Praxen in der Pflicht, einen KIM-Anbieter auszuwählen. Es ist davon auszugehen, dass eine Riege von verschiedenen Anbietern um den Zuschlag der Nutzer kämpfen wird. Viele der Produkte befinden sich aktuell noch in der Zertifizierungsphase. Die KBV ist da etwas schneller. Sie ist bereits mit ihrem KIM-Dienst „kv.dox“ als Anbieter in den Ring gestiegen.

Nicht nur für Praxen heißt es daher, sich lieber zu früh als zu spät mit KIM-Anbietern auseinanderzusetzen. Im Zweifel dürfte man sich wohl an den jeweiligen PVS-Anbieter wenden können.

(Zahn)Ärzte mit Ausbildung im Ausland als Lösung des Fachkräftemangels?

Das gesellschaftliche Problem ist allseits bekannt und betrifft auch die (Zahn)Ärzteschaft: Es fehlt an geeignetem Fachpersonal! So erleben auch wir im Beratungsalltag häufiger, dass bestimmte Projekte (Praxisvergrößerung, Gründung MVZ, Nachbesetzung von (Zahn)Arztstellen, etc.) ins Stocken geraten, da es an der erforderlichen „Manpower“ fehlt.

Doch woher geeignetes Personal nehmen, wenn nicht stehlen? Sofern der deutsche Arbeitsmarkt keine Lösung bietet, geht der Blick automatisch über den Tellerrand hinaus ins Ausland.

Auf der Suche nach (Zahn)Ärzten mit Abschluss im Ausland wird man auch vergleichsweise schnell fündig. Es sind bereits viele qualifizierte und motivierte (Zahn)Ärzte nach Deutschland verzogen. Ein „Problem“ teilen die ausländischen Fachkräfte jedenfalls zu Beginn fast alle: Die Erteilung der Approbation.

Dabei müssen (Zahn)Ärzte insbesondere aus sog. „Drittstaaten“ (also insb. außerhalb der EU und des EWR) mehrere Klippen umschiffen, um in den Zielhafen „Approbation“ einlaufen zu können.

Nur um einige der Herausforderungen zu benennen, ist insbesondere auf die Dauer des Verfahrens, die „Eigenarten“ der verschiedenen Behörden sowie die Vorbereitung eines anhand der gesetzlichen Grundlagen sowie der einschlägigen Rechtsprechung vorbereiteten Antrags zu achten.

So sind die Anträge auf Erteilung der Berufserlaubnis und Approbation bestenfalls zeitgleich zu stellen. Ziel muss es sein, das Approbationsverfahren während der (grundsätzlich nur zwei Jahre gültigen) Berufserlaubnis zu erhalten. Abhängig von dem Bundesland sowie dem Erfordernis eines Gutachtens dauert ein Approbationsverfahren nicht selten 1 ½ bis 2 Jahre. Eine entsprechend gute (tatsächliche und rechtliche) Vorbereitung des Antrags ist daher essentiell.

Hat sich z.B. ein Entlastungsassistent mit Berufserlaubnis im Praxisalltag erwiesen, kann dessen Approbationsantrag auch seitens des Arbeitgebers unterstützt werden. So helfen dem Angestellten insbesondere qualifizierte Arbeitszeugnisse.

Zwar ist der Weg zur Approbation alles andere als ein „Selbstläufer“. Doch stellt die Unterstützung junger Fachkräfte mit Ausbildung im Ausland auf dem Weg zur Approbation allemal eine Alternative auf der Suche nach geeignetem Fachkräftenachwuchs dar.

Keine Prozentangabe bei Risikoaufklärung

Bleibt der gewünschte Behandlungserfolg aus, ist die Haftungsklage durch den Patienten oftmals nicht mehr weit.

Beliebter Einwand des Patienten ist dann häufig die angeblich fehlerhafte oder gar unterlassene Aufklärung. Triebfeder dieses Einwands ist in vielen Fällen sicherlich die für den Patienten günstige Beweislastverteilung, denn:

Bei entsprechendem Einwand muss der Arzt die ordnungsgemäße Aufklärung nachweisen.

Gelingt ihm das nicht, sieht sich der Arzt auch bei Behandlungen de lege artis dem Grunde nach zumindest einem Schmerzensgeldanspruch ausgesetzt.

In dem durch das OLG Frankfurt am Main (Urt. v. 26.03.2019, Az. 8 U 219/16) entschiedenen Fall traten ohne ein Verschulden des operierenden Arztes postoperative Komplikationen auf. Der Patient wandte daraufhin ein, er sei über die Wahrscheinlichkeit bestimmter postoperativer Komplikationen nur unzureichend aufgeklärt worden. Die Formulierung, derartige Komplikationen würden „vereinzelt“ auftreten, sei jedenfalls verharmlosend.

Das Gericht hingegen sah die Aufklärung als ausreichend an. Bei einer (durch Sachverständigen) festgestellten Eintrittswahrscheinlichkeit der postoperativen Komplikationen in Höhe von ca. 20% könne nach dem allgemeinen Sprachgebrauch noch von „vereinzelt“gesprochen werden. Eine Verharmlosung liege nicht vor. Genaue Prozentzahlen seien hinsichtlich des Behandlungsrisikos nicht mitzuteilen.

Prozentangaben müssen also im Rahmen der Risikoaufklärung nicht angegeben werden. Dennoch sei anhand dieses Beispiels erneut daran erinnert, dass eine gute Dokumentation Gold wert sein kann.