Seit dem 07.10.2020: Krankschreibung auch per Videosprechstunde (unabhängig von Corona)

Neben den erheblichen Einschränkungen für das gesellschaftliche Leben, welches die Corona-Pandemie mit sich bringt, wirkte und wirkt sie zugleich wie ein Raketentreibstoff für die Digitalisierung.

Selbst im streng regulierten Gesundheitswesen werden digitale Möglichkeiten in einer Geschwindigkeit geschaffen, was zuvor noch undenkbar schien. So war es in den einzelnen KV-Bezirken plötzlich möglich, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) bei Corona-Symptomen per Videosprechstunde auszustellen. Diese Möglichkeit war dabei zumeist auf einen überschaubaren Zeitraum begrenzt.

Nahezu parallel hierzu beschloss der GBA am 16.07.20 eine Änderung der Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie. Ganz unabhängig von der Corona-Pandemie ist es danach unter bestimmten Voraussetzungen möglich, eine AU auch ohne unmittelbaren Arzt-Patienten-Kontakt, per Videosprechstunde, auszustellen. Das BMG hatte anschließend noch die Möglichkeit, den Beschluss zu beanstanden. Dies ist nicht geschehen.
Mit Veröffentlichung des Beschlusses im Bundesanzeiger ist dieser nun am 07.10.20 in Kraft getreten.

Danach gilt für eine erstmalige Krankschreibung per Videosprechstunde:

• maximal 7 Kalendertage,
• der Patient muss der Praxis bekannt sein (der Patient muss zuvor – auch wegen einer anderen Erkrankung – in der Praxis vor Ort behandelt worden sein. Bei BAGs oder MVZ reicht auch eine Behandlung durch eine/n KollegIn; eine zeitliche Einschränkung wurde zumindest nicht definiert),
• der Arzt muss überzeugt sein, die Arbeitsunfähigkeit im Rahmen der Videosprechstunde beurteilen zu können (die Entscheidungshoheit verbleibt damit beim Arzt; der Patient hat also keinen Anspruch auf eine AU per Videosprechstunde),
• eine Begutachtung des Patienten per Telefon, Chat oder Fragebogen reicht nicht aus.

Zugleich betont der GBA allerdings auch, dass die persönliche Untersuchung vor Ort die Standardmethode zur Ausstellung einer AU bleiben soll.

Spannend bleibt die Frage, ob/inwieweit Praxen vor flächendeckender Einführung der eAU Kosten für das Übersenden der AU geltend machen können. Hierzu beraten KBV und GKV-Spitzenverband bereits.

Veröffentlicht von

Dominik Neumaier

Rechtsanwalt