Zulassungsentzug wegen heimlicher Filmaufnahmen

Das Landessozialgericht (LSG) Erfurt hat am 20.11.2017 (Az. L 11 KA 807/16) entschieden, dass die Entziehung der Zulassung eines Zahnarztes, nachdem er jahrelang heimlich Filmaufnahmen von seinen Zahnarzthelferinnen erstellt hatte, zulässig war.

Nach Mitteilung des Gerichtes ist der Kläger ist als Vertragszahnarzt in Thüringen zu- und niedergelassen. Im Jahre 2012 entdeckten die bei dem Kläger beschäftigten Zahnarzthelferinnen eine versteckte Kamera im Umkleideraum. Mit dieser erstellte der Kläger ohne Wissen der Zahnarzthelferinnen Aufnahmen von diesen. Ein Verfahren vor dem Arbeitsgericht wurde nach Zahlung eines Schmerzensgeldes an die Praxisangestellten einvernehmlich beendet, strafrechtlich mussten die Ermittlungen aufgrund eines seinerzeit vorliegenden Verfahrenshindernisses eingestellt werden.

Auf Antrag der KZV wurde ein Verfahren mit dem Ziel der Entziehung der Zulassung des Klägers eingeleitet. Mit Beschluss vom 28.01.2015 entzog der Berufungsausschuss bei der die Zulassung des Klägers. Das Sozialgericht Gotha hatte die Klage abgewiesen.

Das LSG Erfurt hat die Berufung zurückgewiesen und die Auffassung des Berufungsausschusses und des Sozialgerichts, dass der Kläger aufgrund einer gröblichen Verletzung seiner vertragszahnärztlichen Pflichten ungeeignet für die Ausübung der vertragszahnärztlichen Tätigkeit sei, bestätigt.

Nach Auffassung des Landessozialgerichts liegt eine gröbliche Verletzung der vertragszahnärztlichen Pflichten darin, dass der Kläger über einen Zeitraum von sechs Jahren wiederholt Bildaufnahmen von seinen Praxisangestellten im Umkleideraum ohne deren Kenntnis angefertigt hat. Es sei nicht der Auffassung des Klägers zu folgen, dass eine Ungeeignetheit eines Arztes nur mit schweren Pflichtverstößen im Hinblick auf die ihm anvertrauten Patienten oder das System der vertragszahnärztlichen Versorgung begründet werden könne. Eine gröbliche Pflichtverletzung könne sich auch aus dem Verhalten gegenüber den Praxisangestellten ergeben. Die Anfertigung unerlaubter Bildaufnahmen in der Umkleidekabine stelle unabhängig von der damit verfolgten Motivation einen erheblichen Eingriff in die Intim- und Privatsphäre der Mitarbeiterinnen und in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung dar. Dieser sei von der Schwere genauso zu werten wie eine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Der Kläger habe unter Ausnutzung der Gegebenheiten seiner Praxis seine Arbeitgeberstellung als Arzt für einen schweren Eingriff in die Grundrechte seiner Mitarbeiterinnen missbraucht. Dies beinhalte zugleich seine Ungeeignetheit für die Ausübung der vertragszahnärztlichen Tätigkeit. Der Arztberuf stelle besondere Anforderungen an die charakterliche Eignung desjenigen, der ihn ausübe.

Der LSG Erfurt hat allerdings die Revision zum BSG zugelassen, da bislang keine Rechtsprechung zu der Frage existiert, unter welchen Voraussetzungen die Verletzung des Grundrechtes auf informationelle Selbstbestimmung als „gröbliche Pflichtverletzung“ im Sinne des SGB V anzusehen ist.

Es ist durchaus zu vermuten, dass auch das Bundessozialgericht die Meinung des LSG teilt. Da die Rechtsmittel grundsätzlich aufschiebende Wirkung haben, darf der Vertragszahnarzt allerdings seine Praxis (derzeit) weiter betreiben. Erst mit Rechtskraft der Entscheidung verliert er seine Zulassung.

Bildquelle: Uwe Schlick  / pixelio.de

Veröffentlicht von

Dr. Ralf Großbölting

Rechtsanwalt, Fachanwalt für Medizinrecht und Justiziar des Bundesverbandes für Ambulantes Operieren

Seminar zur Praxisabgabe mit unserem Partner Dr. Berg

An dieser Stelle möchten wir alle unsere Mandanten aus dem Berlin und Umgebung über eine spannende Seminarveranstaltung informieren: Am 16. Mai referiert unser Partner Dr. Sebastian Berg zum Thema

Rechtliche Basics zur Praxisabgabe

im Rahmen einer Veranstalung der Horbach Wirtschaftsberatung GmbH.


Mehr Infos gibt es hier.

Da noch Plätze vorhanden sind, ist eine Anmeldung noch bis zum 2. Mai möglich. Alle Praxisinhaber, die sich mittel- oder langfristig dem Thema Praxisabgabe zuwenden müssen, sind herzlich eingeladen.

Wir freuen uns auf eine schöne Veranstaltung!

Veröffentlicht von

kwm-Team

Das Team der kwm rechtsanwälte.

10 Fachanwälte – kwm sagt: Glückwunsch!


Seit vielen Jahren liegt uns die konsequente Fort- und Weiterbildung unserer Rechtsanwälte am Herzen. Es ist uns daher eine Freude, unseren Kollegen Dr. Tobias Witte zur Verleihung des Titels „Fachanwalt für Medizinrecht“ durch die Rechtsanwaltskammer Hamm zu beglückwünschen.

Zugleich hat der Kollege Dr. Witte einen Lehrgang zum zertifizierten Datenschutzbeauftragten absolviert, um jenseits des klassischen Medizinrechts unseren umfassenden Beratungsansatz auch im wachsenden Bereich der digitalen Gesundheitswirtschaft abzubilden.

Mit nunmehr 10 Fachanwälten für Medizinrecht gehört die kwm zu den bundesweit größten medizinrechtlichen Fachkanzleien.

Wir gratulieren herzlich und freuen uns auf eine spannende Zukunft, in der die kwm Sie in gewohnter Weise zu allen klassischen und künftigen Rechtsfragen des Gesundheitswesens kompetent berät.

Veröffentlicht von

kwm-Team

Das Team der kwm rechtsanwälte.

Du hast ja (k)eine Schraube locker

Einführung:
Die Problematik der Haftung aufgrund einer vermeintlich fehlerhaften Behandlung tritt insbesondere für den operierenden Arzt immer mehr in den Vordergrund. Sie ist jetzt um eine Variante reicher.

Der Vorwurf eines Behandlungsfehlers nimmt stetig zu. So besagt eine Auskunft der Haftpflichtversicherungen, dass bei Ärzten etwa auf 1000 Versicherte pro Jahr 100 Behandlungsfehlervorwürfe fallen. Das heißt, jeder zehnte Arzt ist betroffen.

Nicht nur die Gefahr, möglicherweise Schadensersatz- und Schmerzensgeldzahlungen leisten zu müssen, stellt eine Unannehmlichkeit der Auseinandersetzung mit dem Patienten dar. Vielmehr kann auch bereits die unberechtigte Geltendmachung von Haftpflichtansprüchen eine große Belastung für den Arzt darstellen.

So ist schon der zeitliche Aufwand nicht zu unterschätzen. Der Arzt wird in der Regel aufgefordert werden, Ablichtungen der Krankenunterlagen zur Verfügung zu stellen. Er muss sich sodann inhaltlich mit den erhobenen Vorwürfen auseinandersetzen, wozu er sich den unter Umständen schon lange zurückliegenden Befund- und Behandlungsverlauf wieder vor Augen führen muss. Auch die Wahrnehmung von Terminen vor Gericht bedeuten einen Einschnitt im Arbeitsalltag.

Häufig stellen die nicht selten sehr scharf formulierten Vorwürfe von der Patientenseite auch eine nervliche Belastung für den Arzt dar. Er fühlt sich in seiner Berufsehre verletzt und oftmals lässt ihn der Gedanke nicht mehr los, ob er möglicherweise tatsächlich etwas falsch gemacht hat.

Entscheidung des Oberlandesgerichts:
Das OLG Karlsruhe (Entscheidungsdatum: 13.12.2017 Aktenzeichen: 7 U 90/15) hat sich nun mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob bei unzureichender Ausstattung des Arztes ein Behandlungsfehler vorliegen kann und ob eine Aufklärungspflicht über das Risiko, dass sich eine Schraube möglicherweise nicht lösen lässt und dadurch ein zweiter Eingriff erforderlich wird, besteht.

Die Patientin macht gegen die behandelnden Ärzte Arzthaftungsansprüche im Zusammenhang mit der Entfernung von Osteosynthesematerial geltend. Zur Behandlung einer distalen Radiusfraktur des rechten Handgelenks wurde der Klägerin unter Verwendung von sechs Schrauben eine winkelstabile Radiuspatte eingesetzt. Bei einer ambulanten Operation sollte das Osteosynthesematerial entfernt werden. Dabei ließ sich eine Schraube nicht lösen. Zur Entfernung dieser Schraube sowie der Radiusplatte musste die Klägerin erneut operiert worden. Infolge der ersten Operation hat die Klägerin an sich im Verlauf zurückbildenden Nervenbeeinträchtigungen in ihrer rechten Hand gelitten.

Während das Landgericht ein Schmerzensgeld von 5.000 Euro festsetzte, reduzierte das OLG diese Summe zwar auf 500 Euro. Es stellte aber auch fest, dass ein Behandlungsfehler zu bejahen sei.

Wenn die Ausstattung des Arztes sich in der unteren Bandbreite des ärztlichen Behandlungsstandards bewegt, sei das Unterlassen der Verbesserung der Ausstattung ein Behandlungsfehler. Den Ärzten habe hier zwar das übliche Instrumentarium zur Entfernung der Schrauben zur Verfügung gestanden, nicht aber ein spezieller Gewindeschneider.

Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme entsprach es nach Anhörung mehrerer Sachverständiger nach Auffassung des Gerichts im Operationszeitpunkt dem ärztlichen Standard, in einer nicht nur unterdurchschnittlich ausgestatteten Praxis spezielle Geräte für die Fälle vorzuhalten, in denen sich die Schrauben von einer winkelstabilen Platte schwer lösen. Nach diesen Maßstäben waren die Ärzte also nicht ausreichend ausgestattet, um den streitgegenständlichen Eingriff vornehmen zu können.

Über die Tatsache, dass den Ärzten kein Werkzeug zur Verfügung hatten, mit denen sich schwer lösbare Schrauben entfernen lassen, war hingegen nicht aufzuklären. Aufzuklären ist nur über Risiken, die sich auch bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt oder bei fehlerfreier Durchführung des Eingriffs nicht mit Gewissheit ausschließen lassen.

Über das Risiko, dass es beim Lösen der Schrauben zu Schwierigkeiten kommen kann, war ebenfalls nicht aufzuklären, da es sich zwar um ein spezifisches, aber sehr seltenes Risiko handelt.

Festzuhalten ist, dass unter einem Behandlungsfehler viel mehr als die „klassische“ Falschbehandlung zu verstehen ist. Jeder Arzt ist gehalten, auch eine angemessene Ausstattung im OP vorzuhalten.

Behandlungsfehler in der Chirurgie (Beispiele):

  • Die Behandlung von Frakturen der Mittelhandknochen mit ausgedehnter Trümmerzone mittels Kirschner-Drähten zur temporären Stabilisierung als Vorbereitung auf eine spätere operative Versteifung entspricht den Regeln der Unfallchirurgie. Das Auftreten einer Infektion der Wunde indiziert oder belegt keine mangelhafte Einhaltung der Hygienevorschriften, wenn es auf Grund der starken Verschmutzung der Wunde wesentlich wahrscheinlicher erscheint, dass die Infektion durch die Verletzung an sich und nicht durch die Behandlung entstanden ist (OLG München, Urteil vom 12.1.2012 – 1 U 1387/11).

 

  • Das Abbrechen einer bei einer Lebertransplantation zum Vernähen benutzten Rundnadel gehört – wie bei jeder Operation – zu den immer vorhandenen, nicht gänzlich vermeidbaren Risiken. Ein vorwerfbarer Behandlungsfehler kann darin nicht ohne Weiteres gesehen werden (OLG Köln, Urteil vom 12.01.2000 – 5 U 44/99, AHRS III 2365/300).

 

  • Ein ärztlicher Behandlungsfehler liegt trotz Durchtrennung des Hauptgallenganges bei einer laparoskopischen Gallenblasenentfernung nicht vor, wenn aufgrund des Verschlusses durch einen Gallenstein ein Abfluss der Gallenflüssigkeit aus der Gallenblase nicht mehr möglich war, weshalb es zu einem Hydrops kam, der dazu führte, dass bei dem Patienten der Gallengang praktisch nicht mehr vorhanden war und die vergrößerte Gallenblase daher praktisch unmittelbar in den Hauptgallengang mündete (OLG Hamm, Urteil vom 14.09.2005 – 3 U 86/05, MedR 2006, 345).

 

  • Im Rahmen der nach einer transurethralen Prostataresektion erforderlich werdenden Schlaganfallbehandlung ist die Vornahme einer rekanalisierenden Lysetherapie kontraindiziert, weshalb ihr Unterbleiben den behandelnden Ärzten nicht als Behandlungsfehler vorzuwerfen ist (OLG Düsseldorf, Urteil vom 12.01.2006 – I 8 U 25/05, OLGR 2006, 469).

 

  • Die therapeutische Empfehlung, den an einem Hallux valgus operierten Fuß postoperativ mit einem bequemen Straßenschuh zu belasten, ist kein Behandlungsfehler (OLG Hamm, Urteil vom 05.11.2003 – 3 U 102/03, AHRS III 2368/304).

 

  • Die Durchführung einer Operation von Nasen-Polypen stellt trotz gelegentlicher Einnahme von Aspirin sowie einer präoperativ festgestellten Blutungszeit des Patienten von 5 min bei ansonsten im Normbereich befindlichem Laborparameter zur Blutgerinnung keinen Behandlungsfehler dar (OLG Zweibrücken, Urteil vom 10.03.2009 – 5 U 19/07).

 

Bildquelle: Andreas Morlok  / pixelio.de

Veröffentlicht von

Dr. Ralf Großbölting

Rechtsanwalt, Fachanwalt für Medizinrecht und Justiziar des Bundesverbandes für Ambulantes Operieren